Auf der Suche nach dem Göttlichen

Der Meister war in mitteilsamer Stimmung, also versuchten die Schüler von ihm zu erfahren, welche Entwicklungsstufen er auf seiner Suche nach dem Göttlichen gemacht hatte.

„Zuerst nahm mich Gott an der Hand und führte mich in das Land der Tat. Und dort blieb ich mehrere Jahre.

Dann kehrte er zu mir zurück und führte mich in das Land des Leidens. Dort lebte ich bis mein Herz von jeder übermäßigen Bindung gereinigt war. Darauf fand ich mich wieder im Land der Liebe, dessen Flamme alles verzehrte, was von meinem Selbst übrig geblieben war.

Und das brachte mich in das Land der Stille, wo die Geheimnisse von Leben und Tod vor meinen staunenden Augen enthüllt wurden.

„War das die letzte Stufe eurer Suche?“

„Nein“, sagte der Meister, „eines Tages sagte Gott: Heute werde ich dich in das innerste Heiligtum des Tempels mitnehmen, in das Herz von Gott selbst.

Und ich wurde in das Land des Lachens geführt.“  (de Mello)

 Ich habe keine Zeit – ich bin meine Zeit

Ich habe keine Zeit. Keine Minute, die mir gehört. Auch
dieser Tag ist schon wieder „völlig zu“. Ich fühle mich jetzt schon wie durch. Der Wettlauf mit der Zeit hat bereits wieder begonnen. Anfang der Coronabeschränkungen haben mir viele Menschen fast gestanden,

wie gut es

ihnen tut entschleunigt zu werden. „Das hat einmal sein müssen – wir rennen doch alle nur noch von einem Termin zur nächsten Aufgabe!“ 

Aber: Die kostbaren Minuten rennen nur so. Ich muss mich beeilen, sonst geht mein nächste Termin baden. Es ist nicht nur schrecklich, keine Zeit zu haben. Es ist sogar schick! Zeitnot ist ein unverzichtbares Statussymbol. Denn wer Zeit hat, hat ja wohl offenbar nichts ( Gescheites ) zu tun oder? Menschen fühlen sich wichtig, wenn sie andere unter Druck setzen können, die offenbar zu langsam sind. 

Ich bin mal an einem Haus vorbeigekommen, vor dem ein Mann auf der Bank in der Sonne saß. Als er mich sah, war sein erster Impuls, sich zu entschuldigen, dass er da einfach saß und genoss. Dabei hatte mich dieser Anblick herzlich erfreut!

 „Machen Sie mal eine Pause, steigen Sie einfach mal aus und denken Sie über sich und Ihre Zeit nach“, schlug neulich mal jemand vor. Sehr klug und sehr zeitgerecht, aber zum Denken braucht man Zeit und zum Aussteigen auch! Schließlich muss ich, die ich mir für mich selbst Zeit nehme will, in eine Lücke zwischen zwei Aufgaben oder Terminen quetschen.

Wenn du es eilig hast, gehe langsam 

Das japanische Originalzitat heißt übrigens: „Wenn du es eilig hast, mache einen Umweg.“ Es klingt paradox: Wer sich unter Stress und Zeitdruck bewusst mehr Zeit für die einzelnen Tätigkeiten nimmt, kann mehr erledigen und erzielt bessere Ergebnisse. Unser Gehirn ist wesentlich leistungsfähiger, wenn wir ruhig, konzentriert und erholt sind.

Jesus hat seine ganz eigene Sicht auf die Zeit gehabt. Er hat von einem Reich der Liebe geträumt. Er nannte es Reich Gottes. Dieses Reich fängt seiner Vorstellung nach nicht erst nach diesem Leben an, sondern jetzt: Es ist da! Hier – Jetzt. 

„Denn Gottes Reich ist schon jetzt da – mitten unter euch.“   Ihre Pfarrerin C. Henrich-Eck

Narben erzählen vom Leben

Ich stehe vor einer Runde Menschen und zeige meine Narbe am Daumen, die ich mir als Kind beim Busfahren zuzog. Müde, traurige Gesichter fangen an zu leuchten: „Ich hab auch eine Narbe! Hier am Kopf, das war von einer schmerzhaften Schlittenfahrt auf dem Eis.“ Eine Frau bringt alle zum Lachen: Ihre Narbe ist von einem wüstem Kampf mit einem Mädchen, das sie einst erbittert bekämpft und dann zur lebenslangen Freundin gewonnen hat. Unter Tränen ein Mann, dessen Granatennarben aus dem 2. Weltkrieg ihn daran erinnern, dass sein Leben schon hätte vorbei sein können. Ein Wunder.

Wer lebt und liebt zieht sich Verletzungen zu. 

Verlust und Verletzung tragen bei zu einer einzigartigen, lebendigen Schönheit. Eine versehrte Schönheit, die nicht tauschen möchte mit der perfekten Makellosigkeit.

There is a crack, a crack in everything. That’s how the light gets in.

Gerade da, wo Menschen Brüche empfinden, wo es weh tut, scheint Licht durch. Gerade die Dinge, die in einem Leben schief und bedrohlich sind, bergen die Möglichkeit, von innen zu leuchten. Tore öffnen sich, durch die Göttliches in uns einströmen kann. Aber ist das automatisch so? Werden alle schrecklichen Erfahrungen einfach wieder gut? Manche Verletzungen tun ein Leben lang weh. Meine Schwachstellen machen mich nicht nur schön, sondern vielleicht auch schwierig? Es gibt auch Verletzungen, die einen Menschen tatsächlich brechen.

Es heißt, Corona hätte gezeigt, wie verletzlich wir sind. Und die Umstände, unter denen die Menschen weltweit gerade leben müssen, gehen an die Substanz: Einsamkeit, Erschöpfung, Überdruss, Streit, Verluste. Viele machen sich Sorgen um den Zustand unserer Gesellschaft, die doch schon vereinzelt genug war. Auch diese Zeit wird Narben hinterlassen. Manche sprechen sogar von Traumata. So weit würde ich nicht gehen. Doch wir dürfen nicht nachlassen, einander zu sehen und auch zu versorgen, damit aus dieser Narbe wieder neues Leben und Schönheit entstehen. Wir dürfen nicht müde und träge werden. Gerade wir Christen sind gefragt, die Gesellschaft wieder neu aufzubauen und dem Zerfall entgegen zu treten.

Im Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer heißt es:

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dazu braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf Gott verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

In diesem Sinne! Ihre Pfarrerin Claudia Henrich-Eck

Vom Begehren nach dem Fasten

 

Mitte Februar beginnen die 40 Tage (ohne Sonntage) vor Ostern, in der man bewusst verzichten üben kann. Im Grunde befinden wir uns durch Corona in einer ziemlich ausdehnten Fastenzeit. Fasten holt uns aus krank machenden Gewohnheiten heraus. 

Kennen Sie den Begriff Hedonistische Anpassung?

Er bedeutet, dass wir uns an schöne Erlebnisse und Wohlergehen gewöhnen früher oder später. Wir leben in einer Zeit, in der wir uns schon sehr daran gewöhnt hatten, dass jeder zu jedem Zeitpunkt fast alles tun und lassen kann. 24 Stunden rund um die Uhr. Einer Welt voller Möglichkeiten und Angebote, die uns satt und rund machen.

Doch je mehr wir haben, umso weniger wissen wir es zu schätzen. Das ist wie bei einem Bauch, der immer gut und reichlich gefüllt ist. Er ist versucht, sich mit allerlei Spezialitäten zu vergnügen, um noch das befriedigende Gefühl der Stillung zu erfahren. Ganz anders, wenn ich großen Hunger habe: Wie köstlich ein Schluck Wasser – wie unfassbar gut ein reifer Apfel und ein Stück Brot dazu! Im Fasten versetzen wir uns künstlich in einen Zustand der Entbehrung. Wir machen uns empfänglich und schwach. Ja, Entbehrung und Verzicht können leidvolle Erfahrungen sein. Und dennoch hilft der Weg durchs Fasten, neue Freude und Lebenskraft zu finden. Christliches Fasten solidarisiert sich mit Jesu Leiden und mündet in die Freude der Auferstehung neuen Lebens, dem Sieg des Lebens über die finsteren Mächte des Todes, die uns täglich bedrohen. Glauben ist kein Wissen, kein bloßen Lernen. Glauben heißt begehren! Voller Hunger und Durst nach Liebe, Vertrauen, Gemeinschaft – nach Lebensfreude, Güte und Gerechtigkeit.

 

Die Fastenkuren nach den Lehren der heiligen Hildegard haben nicht nur die körperliche Reinigung zum Inhalt, sondern betrachten auch die geistige Einkehr.  Es geht um ein ganzheitliches Fasten von Leib und Seele.

 

Nach Hildegard von Bingen lassen sich sechs goldene Lebensregeln herleiten, mit deren Hilfe ein Mensch gesund, ausgeglichen und zufrieden leben kann: 

▪Schöpfe Lebensenergie aus den vier Weltelementen Feuer, Wasser, Erde und Luft. Gehe so viel du kannst in die Natur.

▪Achte auf das, was du isst und trinkst –  ob es dir gesunde Kräfte geben kann.

▪Führe dein Leben in einem gesunden Gleichgewicht von Bewegung und Ruhe.

▪Halte Maß zwischen Wachen und Schlafen.

▪Faste von Zeit zu Zeit, um frei von Verunreinigungen im Körper zu werden.

▪Stabilisiere deine seelischen Abwehrkräfte. Achte dabei auf deine Schattenseiten und umgib dich mit Dingen, die dir gut tun und deine Heilung fördern.

 

Übrigens: Hedonistische Anpassung funktioniert auch andersherum:

Man kann sich auch an Entbehrungen gewöhnen!

 

Ihre 

Pfarrerin Claudia Henrich-Eck

Wann beginnt das neue Jahr? 

 

In den alten Kulturen begann das neue Jahr oft im Frühling.     

Da leuchtet das Leben mit der Natur herein nach der langen Zeit des Dunkels, der Kälte und des Wartens und dem Aufbruch der Kräfte und Säfte.

Eine ganz andere Vorstellung im hebräischen Denkraum: Das Neujahrsfest ( Rosch Haschannah ) findet im September statt. In Verbindung mit Jom Kippur, dem Fest der großen Versöhnung. Versöhnung der Menschen mit Gott und untereinander.

Neujahr im Herbst? Es lohnt sich nachzuspüren, was die Menschen veranlasst haben könnte. Ob es das Gefühl war, dass wir alle vor neuen Aktivitäten erst einmal Ruhe brauchen? Rückzug – Nach-innen-Gehen – eine Brachzeit?

Das Jahr ist im jüdischen Denken aufgebaut wie jeder Tag: Der Tag beginnt mit dem Abend. Nicht wenn das Licht kommt und die neue Lebenskraft da ist, nicht nach der Nacht, sondern in der Abenddämmerung, genauer mit dem Auftauchen der ersten drei Sterne am Himmel. Das heißt: Erst einmal loslassen, zur Ruhe kommen, bei mir sein und auftanken. Aus der Ruhe und Rekreation heraus entsteht neuer Tatendrang und frisches Tun.

Stellen Sie sich vor: Der Tag beginnt damit, dass ich aufatmen, mich hinsetzen und die  Hände in den Schoß legen darf. Das Tun beginnt erst nach dem Empfangen. Theologisch bedeutet das: erst kommt die gute, befreiende Botschaft von Geborgensein bei mir ganz an. Dann mache ich mich auf und bin erfüllt von Kraft und bewusstem Tun.

Genießen wir also noch ein bisschen die Zeit des Dunkels und des Rückzugs. Vertrauen wir darauf, dass Gott, das Leben, uns zur rechten Zeit neu beseelt.