Vom Begehren nach dem Fasten

 

Mitte Februar beginnen die 40 Tage (ohne Sonntage) vor Ostern, in der man bewusst verzichten üben kann. Im Grunde befinden wir uns durch Corona in einer ziemlich ausdehnten Fastenzeit. Fasten holt uns aus krank machenden Gewohnheiten heraus. 

Kennen Sie den Begriff Hedonistische Anpassung?

Er bedeutet, dass wir uns an schöne Erlebnisse und Wohlergehen gewöhnen früher oder später. Wir leben in einer Zeit, in der wir uns schon sehr daran gewöhnt hatten, dass jeder zu jedem Zeitpunkt fast alles tun und lassen kann. 24 Stunden rund um die Uhr. Einer Welt voller Möglichkeiten und Angebote, die uns satt und rund machen.

Doch je mehr wir haben, umso weniger wissen wir es zu schätzen. Das ist wie bei einem Bauch, der immer gut und reichlich gefüllt ist. Er ist versucht, sich mit allerlei Spezialitäten zu vergnügen, um noch das befriedigende Gefühl der Stillung zu erfahren. Ganz anders, wenn ich großen Hunger habe: Wie köstlich ein Schluck Wasser – wie unfassbar gut ein reifer Apfel und ein Stück Brot dazu! Im Fasten versetzen wir uns künstlich in einen Zustand der Entbehrung. Wir machen uns empfänglich und schwach. Ja, Entbehrung und Verzicht können leidvolle Erfahrungen sein. Und dennoch hilft der Weg durchs Fasten, neue Freude und Lebenskraft zu finden. Christliches Fasten solidarisiert sich mit Jesu Leiden und mündet in die Freude der Auferstehung neuen Lebens, dem Sieg des Lebens über die finsteren Mächte des Todes, die uns täglich bedrohen. Glauben ist kein Wissen, kein bloßen Lernen. Glauben heißt begehren! Voller Hunger und Durst nach Liebe, Vertrauen, Gemeinschaft – nach Lebensfreude, Güte und Gerechtigkeit.

 

Die Fastenkuren nach den Lehren der heiligen Hildegard haben nicht nur die körperliche Reinigung zum Inhalt, sondern betrachten auch die geistige Einkehr.  Es geht um ein ganzheitliches Fasten von Leib und Seele.

 

Nach Hildegard von Bingen lassen sich sechs goldene Lebensregeln herleiten, mit deren Hilfe ein Mensch gesund, ausgeglichen und zufrieden leben kann: 

▪Schöpfe Lebensenergie aus den vier Weltelementen Feuer, Wasser, Erde und Luft. Gehe so viel du kannst in die Natur.

▪Achte auf das, was du isst und trinkst –  ob es dir gesunde Kräfte geben kann.

▪Führe dein Leben in einem gesunden Gleichgewicht von Bewegung und Ruhe.

▪Halte Maß zwischen Wachen und Schlafen.

▪Faste von Zeit zu Zeit, um frei von Verunreinigungen im Körper zu werden.

▪Stabilisiere deine seelischen Abwehrkräfte. Achte dabei auf deine Schattenseiten und umgib dich mit Dingen, die dir gut tun und deine Heilung fördern.

 

Übrigens: Hedonistische Anpassung funktioniert auch andersherum:

Man kann sich auch an Entbehrungen gewöhnen!

 

Ihre 

Pfarrerin Claudia Henrich-Eck