Narben erzählen vom Leben

Ich stehe vor einer Runde Menschen und zeige meine Narbe am Daumen, die ich mir als Kind beim Busfahren zuzog. Müde, traurige Gesichter fangen an zu leuchten: „Ich hab auch eine Narbe! Hier am Kopf, das war von einer schmerzhaften Schlittenfahrt auf dem Eis.“ Eine Frau bringt alle zum Lachen: Ihre Narbe ist von einem wüstem Kampf mit einem Mädchen, das sie einst erbittert bekämpft und dann zur lebenslangen Freundin gewonnen hat. Unter Tränen ein Mann, dessen Granatennarben aus dem 2. Weltkrieg ihn daran erinnern, dass sein Leben schon hätte vorbei sein können. Ein Wunder.

Wer lebt und liebt zieht sich Verletzungen zu. 

Verlust und Verletzung tragen bei zu einer einzigartigen, lebendigen Schönheit. Eine versehrte Schönheit, die nicht tauschen möchte mit der perfekten Makellosigkeit.

There is a crack, a crack in everything. That’s how the light gets in.

Gerade da, wo Menschen Brüche empfinden, wo es weh tut, scheint Licht durch. Gerade die Dinge, die in einem Leben schief und bedrohlich sind, bergen die Möglichkeit, von innen zu leuchten. Tore öffnen sich, durch die Göttliches in uns einströmen kann. Aber ist das automatisch so? Werden alle schrecklichen Erfahrungen einfach wieder gut? Manche Verletzungen tun ein Leben lang weh. Meine Schwachstellen machen mich nicht nur schön, sondern vielleicht auch schwierig? Es gibt auch Verletzungen, die einen Menschen tatsächlich brechen.

Es heißt, Corona hätte gezeigt, wie verletzlich wir sind. Und die Umstände, unter denen die Menschen weltweit gerade leben müssen, gehen an die Substanz: Einsamkeit, Erschöpfung, Überdruss, Streit, Verluste. Viele machen sich Sorgen um den Zustand unserer Gesellschaft, die doch schon vereinzelt genug war. Auch diese Zeit wird Narben hinterlassen. Manche sprechen sogar von Traumata. So weit würde ich nicht gehen. Doch wir dürfen nicht nachlassen, einander zu sehen und auch zu versorgen, damit aus dieser Narbe wieder neues Leben und Schönheit entstehen. Wir dürfen nicht müde und träge werden. Gerade wir Christen sind gefragt, die Gesellschaft wieder neu aufzubauen und dem Zerfall entgegen zu treten.

Im Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer heißt es:

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dazu braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf Gott verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

In diesem Sinne! Ihre Pfarrerin Claudia Henrich-Eck